Was steckt hinter der Farbe unserer Haare?
Jedes einzelne Haar ist von Natur aus nahezu durchsichtig. Seine Farbe verdankt es dem Melanin – einem feinen Pigmentstaub, der im Inneren der Strähne eingelagert ist. Je dichter diese Pigmentpartikel gepackt sind, desto dunkler wirkt das Haar. Sind nur wenige braune oder schwarze Körnchen vorhanden, erscheinen die Haare blond.
Mit zunehmendem Alter verlangsamen oder stoppen die pigmentproduzierenden Zellen in den Haarfollikeln ihre Arbeit – und das Haar wird grau. Das erklärte Desmond Tobin, Direktor des Charles Institute of Dermatology am University College Dublin. Graue Strähnen sind dabei oft steifer, schwerer zu bändigen und wachsen etwa zehn Prozent schneller als pigmentierte Haare.
Während manche Menschen ihr graues Haar als natürlichen Teil des Älterwerdens akzeptieren, empfinden andere es als störend und greifen zu Farbe, Pinzette oder kaschierenden Mitteln. Die Wissenschaft ist sich jedoch noch längst nicht einig darüber, was das Ergrauen überhaupt auslöst – und wie viel Einfluss wir darauf haben.
Was die Wissenschaft bislang weiß
Das Ergrauen vollzieht sich nicht auf einen Schlag. Zunächst tauchen vereinzelte silberne Strähnen auf, bevor eine klassische Salz-und-Pfeffer-Phase einsetzt. Interessanterweise können manche Haare sogar heller werden und danach wieder dunkler erscheinen.
Jeder Haarfollikel funktioniert wie eine eigenständige Einheit. Er enthält eigene Melanozyten – also pigmentbildende Zellen – sowie einen Vorrat an Stammzellen, die als Reserve dienen. Im Laufe des Lebens häufen sich in diesen Zellen Schäden an, etwa durch Stress oder natürlichen Zellverschleiß.
Das Ergrauen beginnt meist, wenn die Melanozyten in einem bestimmten Follikel geschädigt werden. Dauerhaft grau wird das Haar jedoch erst, wenn der Stammzellvorrat vollständig erschöpft ist – so Emi Nishimura, Professorin für Alterung und Regeneration an der Universität Tokio. Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass sich Grau umkehren lässt, solange nur der erste Schritt eingetreten ist, aber der zweite noch nicht.
Stress und seine sichtbaren Spuren im Haar
In einer kleinen Studie aus dem Jahr 2021 sammelten Wissenschaftler Haare von Menschen, die begonnen hatten zu ergrauen, und entdeckten dabei auffällige helle und dunkle Banden. Da Haare etwa einen Zentimeter pro Monat wachsen, lassen sich diese Banden wie ein Zeitstrahl lesen. Die Teilnehmer wurden gebeten, ihre stressreichen Erlebnisse des vergangenen Jahres festzuhalten.
Das Ergebnis war eindeutig: Phasen mit hohem Stress stimmten mit den helleren Banden überein, ruhigere Phasen hingegen mit dunkleren Abschnitten. Anders gesagt – weniger Stress schien das Ergrauen zu verlangsamen oder sogar umzukehren.
Darüber hinaus hat eine kleine Gruppe von Menschen mit grauem Haar nach bestimmten Krebsbehandlungen – wie Chemotherapie, Bestrahlung oder Immuntherapie – stellenweise eine spontane Rückpigmentierung erlebt. Experten vermuten, dass diese Therapien in seltenen Fällen schlafende Stammzellen reaktivieren und zur Neubildung funktionsfähiger Melanozyten anregen könnten.
Diese Befunde legen nahe, dass das Ergrauen kein vollständig linearer Prozess ist und ein „Zeitfenster der Möglichkeit" existiert, in dem Pigmentverlust noch rückgängig gemacht werden kann – so Dr. Ralf Paus, Dermatologe an der Universität Miami. Wie lange dieses Fenster offen bleibt und was Stammzellen sicher reaktivieren könnte, ist bislang noch unklar.
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Was Sie gegen graue Haare tun können
Ein Großteil des Ergrauens ist genetisch bedingt, erklärte Dr. Jessica Shiu, Dermatologin an der University of California Irvine Health. Ein Blick auf Eltern und Großeltern liefert daher oft die aufschlussreichsten Hinweise. Untersuchungen zeigen außerdem, dass Ergrauen bei weißen Menschen typischerweise Mitte dreißig beginnt, bei Asiaten gegen Ende dreißig und bei Schwarzen erst Mitte vierzig.
Dennoch können Lebensstilfaktoren durchaus einen Unterschied machen. Die stärksten wissenschaftlichen Belege sprechen für zwei Maßnahmen: das Aufhören mit dem Rauchen und das aktive Reduzieren von Stress. Ausreichend Schlaf und eine ausgewogene Ernährung mit vielen Antioxidantien könnten ebenfalls dazu beitragen, die Pigmentzellen zu schützen – wenngleich die Beweise hier indirekter Natur sind, so Dr. Shiu.
Frühzeitiges Ergrauen wurde zudem mit niedrigen Eisen- und Vitamin-B12-Spiegeln in Verbindung gebracht. In westlichen Ländern sind jedoch Mängel, die stark genug sind, um die Haarpigmentierung zu beeinflussen, eher selten – und für Nahrungsergänzungsmittel gegen graue Haare gibt es laut Dr. Tobin keine belastbaren Belege.
Vorsicht bei Anti-Grau-Produkten
Bei Anti-Grau-Nahrungsergänzungsmitteln ist generell Skepsis angebracht, betonte Dr. Shiu. Sie werden häufig auf Basis von Versprechen vermarktet – nicht auf Grundlage wissenschaftlicher Nachweise. Selbst wenn ein Produkt potenziell wirksame Inhaltsstoffe enthält, ist unklar, ob diese überhaupt die tief im Haarfollikel liegenden Pigmentzellen erreichen können.
Medizinische Behandlungen speziell gegen graues Haar existieren derzeit nicht. Wer jedoch plötzlich oder ungewöhnlich früh ergraut, sollte einen Arzt aufsuchen – denn in einem kleinen Teil der Fälle stecken Medikamente oder Erkrankungen dahinter, die behandelbar sind. Bestimmte Antiepileptika, Malariamittel, orale Retinoide und Muskelrelaxanzien wurden mit Ergrauen in Verbindung gebracht. Auch viele Krebsmedikamente können Pigmentverlust verursachen.
Ärzte können zudem zwischen altersbedingtem Ergrauen und Erkrankungen unterscheiden, die dasselbe Bild erzeugen. Schilddrüsen- und andere Hormonstörungen sowie Autoimmunerkrankungen wie Vitiligo oder Alopecia areata wurden mit frühem Ergrauen verknüpft. Eine gezielte Behandlung kann weiteren Pigmentverlust bremsen und manchmal sogar die Rückkehr der Farbe ermöglichen.
Fazit: Kleine Veränderungen, große Wirkung
Für die meisten Menschen lässt sich graues Haar nicht vollständig verhindern. Doch wer kleine, gesundheitsfördernde Gewohnheiten konsequent kombiniert, kann zumindest Einfluss nehmen. „Es ist nichts Verrücktes – es geht einfach darum, einen gesunden Lebensstil zu führen", brachte es Dr. Shiu auf den Punkt.













